Bericht über "Maria Magdalena" aus der Aachener Zeitung vom 1.12.2003

Familientragödie mit scharfen Klingen

Verschlankt auf einen zweistündigen Einakter und stark modernisiert präsentiert das Theater Aachen Hebbels "Maria Magdalena".

Aachen. Das Ambiente, in dem sich die Familientragödie um den prinzipientreuen Vater (Rainer Krause), den zu Unrecht als Dieb verdächtigten Sohn Karl (Johannes R. Voelkel) und die in den Selbstmord getriebene, schwangere Tochter Klara (Cornelia Dörr) abspielt, ist gediegen.

Wie von exklusiver Designerhand gestaltet, wirken die marmorhaften, elegant geschnittenen und effektvoll beleuchteten Wände (Bühnenbild: Jan Schroeder) des einzigen Schauplatzes: Dem Wohnzimmer der Familie von Meister Anton, der in dieser Version vom Tischler zum Architekten im piekfeinen Anzug mutiert ist.

Faible für Japan

Anton hat offenbar ein Faible für Japan: In zwei Vitrinen bewahrt er Nippon-Nippes auf - Masken und Samurai-Schwerter -, und in dem kiesbedeckten Boden vor der Couch fehlt nur noch der Koi-Teich. Spät oder womöglich auch gar nicht geht dem Zuschauer ein Licht auf, was uns das sagen soll...

Bei Hebbel ist es Antons Wahn von Ehre und Tugend, der ihn dazu bringt, Tochter Klara den verhängnisvollen Schwur abzuverlangen, keine Schande über die Familie zu bringen.

Regisseurin Lydia Bunk setzt andere Akzente: Hier sind es Gefühlskälte und der Charakter eines macht- und karriereorientierten, rein geschäftsmäßig denkenden, autoritären Vaters.

Größtes Machtmittel ist es für ihn, Klara ein schlechtes Gewissen einzubleuen. Bunk arbeitet mit symbolreichen Anspielungen, wenn Anton auf dem schwarzen Lederstuhl in der erhöhten Wandnische wie auf einem Thron Platz nimmt oder Klara die Zeitung im Mund herbeiapportiert wie ein Hund. Mit ohrenbetäubend dröhnenden Rock-Riffs der Elektro-Klampfe verabschiedet sich dagegen Karl in einem Hippie-Outfit von dem achtlos dasitzenden Vater.

Statt wirklicher Gespräche verbinden Rituale der Macht die Generationen: Klara reicht die Reisschüssel dem mit Stäbchen gabelnden Vater, der im Judoanzug speist.

Und auch die Welt der jungen Männer ist von Ritualen geprägt: Während Hebbel ein Pistolenduell zwischen den Rivalen Leonhard (Karsten Meyer) und dem Sekretär (Denis Pöpping) vorsieht, gehen sie hier mit Messern und Bambusstöcken aufeinander los. Manchem Zuschauer stockte der Atem: Meyer und Pöpping schlagen, die schwere Klinge in der Hand, tatsächlich mit voller Wucht zu.

Dabei vollführen sie die Choreographie eines philippinischen Kampfstil-Gurus: Suro Jason Inay. Eigens trainiert haben sie die Aachener Kampfsportlehrer Simone Schlötels und Christian Mähringer. - Bei aller Liebe: Ob sich der Aufwand und das Risiko wirklich lohnen? Erhebliche Zweifel sind angebracht.

"Japanisiert" geht die Vorstellung auch zu Ende: Bei traurig-schönen Videobildern (Guido Diefenthal, Jörg Schueler und Kai Gussek) der im Wasser treibenden Klara spricht Vater Anton nicht mehr den berühmten letzten Satz "Ich verstehe die Welt nicht mehr", sondern ganz gelassen einen weisen Spruch von Tsunemoto Yamamoto.

Wer recherchiert, findet heraus, dass der vor dreihundert Jahren den legendären Ehrenkodex für Samurai verfasst hat. Er gilt heute vielen Managern auf der Welt als ein Leitfaden für strategisches Handeln und den Umgang mit Macht und Karriere.

Nur: Wer weiß das schon in der Zuschauerschaft? Das muss deutlich Abzugspunkte bringen für die ansonsten gelungene Inszenierung.

Sehnsucht nach Liebe

Cornelia Dörr legt einen unter die Haut gehenden Part hin als die gequälte, opferbereite, in sich selbst gefangene Tochter, die sich vergeblich nach Liebe sehnt. Rainer Krause gibt überzeugend einen verbitterten Vater, der Selbstmitleid in Machtausübung wendet.

Karsten Meyer spielt mit viel Selbstironie den berechnenden Leonhard, Denis Pöpping den rachedurstigen Sekretär, Johannes R. Voelkel den aufmüpfigen Sohn, Theo Pfeifer den brutalen Zivilfahnder.

Marita Breuer hat eine etwas undankbare Rolle übernommen: Als Frau von Meister Anton trifft sie früh der Schlag, und die Regisseurin lässt sie auch noch zwanzig Minuten "tot" auf dem Sofa sitzen. Bis dahin spielt sie das hingebungsvolle Eheweib, dem es nur um eines geht - den Schein der äußeren Jugendlichkeit. Auch eine Figur mit Wiedererkennungs-Effekt.

Friedrich Hebbels "Maria Magdalena" in den Kammerspielen des Theaters Aachen. Die nächsten Vorstellungen: am 2., 5., 10. und 20. Dezember, 20 Uhr. Karten in allen Zweigstellen unserer Zeitung, 0241/5101192

Autor: Eckhard Hoog
Bericht in der Aachener Zeitung vom 1.12.2003